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Der letzte Snapschuss

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03.03.2017
— Andreas Rieger 

Der letzte Snapschuss

Die Kamera hat die Tastatur als bevorzugtes Kommunikationsinstrument abgelöst. Mit dieser Meinung steht Evan Spiegel, Erfinder von Snapchat, nicht alleine da. Zur Verwunderung vieler beantragte er die Börsenzulassung für Snap Inc. auch als „Kamera-Firma“ und nicht etwa als soziales Netzwerk. Am 2. März 2017 ging Snapchat an die Börse und wagt somit nach Facebook und Twitter als drittes Softwareunternehmen dieser Art den Schritt an die Wallstreet. Dort sind die Positionen bisher klar verteilt: Das Unternehmen von Mark Zuckerberg hat seinen ursprünglichen Wert (38 Dollar) mit aktuell 136 Euro mehr als verdreifacht. Twitter hingegen liegt mit 16 Dollar weit unter der Hälfte des Ausgabepreises (40 Dollar). Zum Vergleich: Snapchat steigt mit 17 Dollar ein.

Instagram als großer Konkurrent

Enger geht es beim Kampf um die Gunst der User zu. Während Facebook das größte soziale Netzwerk und Twitter eher eine reine Kommunikationsplattform ist, hat sich mit Instagram und Snapchat ein Duell um die beliebteste Foto-App entwickelt. Laut Statista nutzen derzeit 600 Millionen User weltweit Instagram aktiv, bei Snapchat geht man von 158 Millionen täglichen Nutzern aus. Um den Vorsprung zu halten, kopierte Instagram im letzten Jahr die Story-Funktion von Snapchat und hat damit Erfolg: Bereits etwa 150 Millionen Nutzer posten jeden Tag Stories, also fast so viele Nutzer wie Snapchat insgesamt verzeichnet. Dennoch bedienen beide verschiedene Zielgruppen und unterscheiden sich in der Verwendungsweise der Fotos teilweise gravierend.

Instagram setzt auf ästhetische Fotos, alleine die quadratische Form der Bilder unterstreicht den modischen Aspekt. Auf Instagram will man vor allem (und von allen) gesehen werden, poliert seine Bilder mit eleganten Filtern auf und versieht seine Posts mit ausreichend Hashtags. So können auch User das Bild sehen, die dem Profil nicht aktiv folgen. Snapchat hingegen fokussiert sich auf authentische Inhalte. Insbesondere Selfies mit lustigen Filtern sind beliebt und werden an die besten Freunde geschickt. Diese Spielereien teilt man nicht mit der ganzen Welt, frei nach dem Motto: What happens in Snapchat, stays in Snapchat.

Snapchat nicht unentbehrlich

Sowohl Instagram als auch Snapchat erfüllen die verschiedenen Bedürfnisse ihrer User und doch sehe ich die Zukunft von Snapchat kritischer. Ausgerechnet die größte Stärke könnte der App zum Verhängnis werden: Abgesehen von Punkten und Trophäen, die man mit kreativen Snaps sammeln kann, verschwindet jeglicher Content den man selbst oder die Freunde produzieren. Lediglich die Funktionen binden die User an Snapchat, doch diese können leicht von der Konkurrenz kopiert werden, siehe die Story-Funktion. Facebook hingegen versammelt Freunde und Interessen an einem Ort, Instagram ist eine digitale Bildersammlung und sogar die Chat-Verläufe bei WhatsApp sind von unschätzbarem Wert für manche Nutzer. Diese Apps haben für viele Menschen daher eine gewisse Unentbehrlichkeit.

Gleichzeitig macht es Snapchat Unternehmen immer noch schwer erfolgreiche Profile aufzubauen. Es gibt weder Verifizierungshaken, noch kann man Infos über sein Unternehmen bereitstellen. Für jegliche Art von Reichweite müssen Brands also in Form von Mediabuchungen oder Filtern bezahlen. Dazu werden sie nur bereit sein, wenn die App auch weiterhin eine hohe Mitgliederzahl anspricht. Genau hier habe ich meine Zweifel. Snapchat hat mit seinen Funktionen zweifelsfrei ein großes Bedürfnis nach Spaß und Authentizität bedient. Doch gerade das junge Publikum verspricht keine hohe Loyalität und könnte bei der nächsten hippen App weiterziehen. Snapchat würde so als kurzlebige, wenngleich sehr erfolgreiche, Modeerscheinung ins App-Museum einziehen. Wenn das so eintritt – und davon gehe ich aus – wären sich zumindest im Rückblick alle einig, was Snapchat eigentlich war: Eine Kamera-Firma.

Über den Autor:
Andreas Rieger ist Account Executive im Tech-Team bei WE Communications. Lokalisten und studiVZ legten die Basis für sein Interesse an sozialen Netzwerken, mittlerweile ist er begeisterter Snapchat- und Instagram-User.