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Von Bitcoins lernen: Blockchains im Gesundheitswesen

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12.04.2018
— Arne Neumeyer 

Der Transfer eines Bitcoins verbraucht so viel Strom wie 17 US-Haushalte an einem Tag. Man kann damit aber auch unüberschaubar reich werden, wenn man sich den Keller voller Server stopft und Fulltime-Miner wird. Wir wollten wissen „Braucht’s das dann?“ und „Was hat das mit uns zu tun?“ und diskutierten dieses „Hot Topic“ im Team.

Blockchains ermöglichen es verschiedenen Parteien, die einander nicht vertrauen, Informationen auszutauschen, ohne dass ein zentraler Administrator erforderlich ist. Kein Unternehmen, keine Behörde und keine Person hat alleinig Macht über diese Informationen, weil sie eben nicht in einer zentralen Datenbank auf einem Server oder bei einem Unternehmen liegen. Das Protokoll, also die Datenbank, ist dezentral über viele Computer verteilt und es gibt niemanden, dem dieses Protokoll gehört. Jeder Teilnehmer hat die gleichen Zugriffsrechte und somit dieselben Möglichkeiten. Die Blockchain ist als neutrales System der Informationsverarbeitung gedacht, das niemandem gehört und nicht zu manipulieren oder zu hacken ist. Vorausgesetzt, niemand kontrolliert 51 oder mehr Prozent der Rechenleistung und hat somit die Mehrheit an den in einer Blockchain ablaufenden Transaktionen.

Blockchains sind nicht nur etwas für spinnerte Nerds, die mit Kryptowährung reich werden. Die Anwendung der Blockchain-Technologie kann ein großer Schritt für die Transparenz der Pharma-Branche sowie für den Verbraucherschutz beim Vertrieb von Medikamenten sein.

Mit ihr können alle Handelspartner vom Hersteller über den Großhändler bis hin zum Apotheker ihre Lieferungen im digitalen Protokoll vermerken, sodass jeder Schritt einer Lieferkette nachvollzogen werden kann. Bei jeder Weitergabe eines Medikaments garantiert ein Netzwerk aus Computern dessen Herkunft und Echtheit. Dadurch soll gestohlenen Medikamenten oder Fälschungen der Marktzutritt erschwert werden. Prototyp-Systeme wurden im Rahmen des MediLedger Projects erfolgreich erprobt.

Ein Einsatzgebiet der Blockchain-Technologie im Gesundheitsbereich wird wohl vor allem in der kryptografischen Sicherung von Patientendaten liegen, und so die Vernetzung des Gesundheitswesens – weg von isolierten Systemen, die den Austausch erschweren – vorantreiben. Die in der Blockchain gespeicherten Patientendaten sollen dank dezentraler Speicherung unter voller Kontrolle des Patienten bleiben.

In den USA forscht die Projektgruppe „Precision Medicine Initiative, Patient Care and Outcomes Research“, kurz PCOR, am Ausbau der Interoperabilität der Blockchain-Technologie im Gesundheitswesen.

Konkret bietet die amerikanische Plattform OncoPower exklusiv Krebspatienten die Möglichkeit, sich zu registrieren und ihre Patientendaten in die Blockchain einzuspeisen. Damit sollen kein Arztbericht und kein Laborbefund mehr verlorengehen, weil der Patient alles chronologisch erfassen und immer darauf zugreifen kann. Über die Plattform soll auch Networking mit anderen Betroffenen möglich werden. Für eigene Aktivitäten erhält der Patient Gutschriften in der Kryptowährung „Onco“.

In Deutschland arbeitet auch die Gesellschaft für Telematikanwendungen der Gesundheitskarte mbH, kurz gematik, an neuen Blockchain-basierten Lösungen. Ziel ist, Transaktionskosten zu senken und eine sichere und standardisierte Verarbeitung von Patientendaten zu ermöglichen, deren Kontrolle dezentral in der Hand des Patienten verbleibt. Es bleiben aber auch noch Kompromisse bei der Skalierbarkeit zwischen Transaktionsvolumen und Rechenleistung aufzulösen, womit sich auch die Frage nach den Betriebskosten eines Blockchain-Netzwerks stellt. Außerdem sind die Anreize für den Einzelnen, eigene Daten in die Blockchain einzuspeisen, noch nicht ausreichend definiert.

Es bleibt also noch viel zu tun, bevor sich der Blockchain-Hype, wie er sich bei Bitcoin-Gewinnern zeigt, ins deutsche Gesundheitssystem übertragen lassen wird. Wir haben entschieden, unseren Keller erst mal so zu belassen, wie er ist. Am Thema selbst bleiben wir aber trotzdem dran.